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Fragen & Antworten 2.

Frage 21: “Sie behaupten, jeder Mensch werde mit der Erbsünde behaftet geboren. Nehmen wir einmal an, dies sei korrekt. In Jesus sei Wiedergutmachung geschehen für die Sünden aller Menschen, bzw. Jesus habe den Lösepreis für die Sünden aller Menschen bezahlt. Übrigens: Wo bleibt da die Verantwortung des Einzelnen? Aber gut: wenn nun Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung für alle Sünden bezahlt hat, werden dann dennoch alle Kinder, die jetzt geboren werden, mit der Erbsünde behaftet geboren? Wenn ja, was nützt dann Jesus [als Erlöser] überhaupt?” (TR)

Antwort:
Der Fragende lese zunächst noch einmal sorgfältig im Buch Kapitel 3, III und IV.

Die Frage beinhaltet drei Hauptpunkte, auf die ich hier in drei Schritten eingehen werde.

    a. Zur Realität und zum Begriff der Ur- und Erbsünde

Die Grundaussage biblischer Geschichtsdeutung lautet: Gott hat die Welt nicht so gewollt und nicht so gemacht, wie sie uns konkret begegnet. Er wollte und will das Leben und nicht den Tod; er verabscheut Unrecht, Gewalt und Lüge. Er will nicht, dass Menschen leiden, er will das Glück des Menschen in der Gemeinschaft mit ihm. Um diesen ursprünglichen Willen und diesen ursprünglichen Plan Gottes auszudrücken erzählt die Bibel die Geschichte vom Paradies (Gen 2:8.15-17).
Der Kern der Paradieserzählung wie der Lehre vom Urstand des Menschen ist keine paläontologische (vorgeschichtliche), sondern eine theologische Aussage: Gott hat den Menschen nicht nur gut, ja sehr gut erschaffen; er hat ihn darüber hinaus teilnehmen lassen an seinem Leben.

Die Aussagen über Paradies und Urstand des Menschen sind nicht um ihrer selbst willen wichtig. Sie stellen lediglich den Hintergrund dar, von dem wir die gegenwärtige Situation der Menschheit erst richtig begreifen können: als Zustand der Entfremdung, den Gott nicht gewollt und nicht geschaffen hat. Woher also das Böse?
“Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod“ (Röm 5:12). Das ist die lapidarische Feststellung des Apostels Paulus. Sie fasst zusammen was auf den ersten Seiten der Bibel in der Erzählung vom Fall des Menschen anschaulich berichtet wird. (vgl. Gen 3:1-24)

Die Bibel erzählt nicht nur diese eine Geschichte vom Sündenfall. Die eine Geschichte löst vielmehr die ganze Lawine der weiteren Geschichte der Sünde aus, in der die soziale Dimension der Sünde zur Geltung kommt. (Lesen Sie z.B. die Geschichte der Ermordung Abels durch Kain mit dem danach entstehenden Teufelkreis von Schuld und Rache zwischen den Menschen (Gen 4). Ebenfalls die Geschichte vom Hereinbrechen des Chaos in der Sintflut (Gen 6) und die vom Turmbau zu Babel (Gen 11).
Im Neuen Testament nimmt Paulus die Sündengeschichte des Buches Genesis auf. Dabei setzt er den ersten Adam im Beziehung zum zweiten, neuen Adam, Jesus Christus. (vgl. Röm 5:12.14.15.17)

Dieser Text geht über die Aussagen des Alten Testaments hinaus. Erst durch Jesus Christus  wird uns nämlich die Universalität und Radikalität der Sünde erschlossen; er deckt uns unsere wahre Situation im Heil wie im Unheil auf. So wird jetzt ausdrücklich die Universalität der Sündenmacht, welche über die Menschheit als Todesmacht herrscht, festgestellt. Doch die Erkenntnis der Universalität der Sünde ist nur die negative Formulierung der Universalität des Heils in Jesus Christus. Weil wir wissen, dass uns in Jesus Christus das Heil für alle gegeben ist, können wir erkennen, dass außerhalb von Christus Unheil ist. Die Aussage von der Sünde hat also keine eigenständige Bedeutung. Sie veranschaulicht die Universalität und die Überschwänglichkeit des Heils, das Jesus Christus gebracht hat. Die heillose und hoffnungslose Situation der Menschheit ist umgriffen von der größeren Hoffnung und der Gewissheit, dass uns in Jesus Christus überreiches Heil geschenkt ist.

Eine erste Schwierigkeit für heutige Menschen, diese Lehre korrekt zu verstehen besteht darin, dass viele Wissenschaftler heute lehren, am Anfang der Geschichte stehe nicht nur ein einziges Menschenpaar (Monogenismus) , sondern das menschliche Leben habe sich im Prozess der Evolution gleichzeitig  am mehreren Stellen herausgebildet (Polygenismus oder gar Polyphyletismus). Der Sinn der kirchlichen Lehre ist jedoch gewahrt, wenn festgehalten wird, dass die Menschheit, welche eine Einheit bildet, bereits in ihrem Anfang das Heilsangebot Gottes ausgeschlagen hat und dass die daraus resultierende heillose Situation eine universale Wirklichkeit ist, aus der sich keiner aus eigener Kraft befreien kann. Wird dies festgehalten, dann ist die Frage, ob Monogenismus oder Polygenismus, eine rein wissenschaftliche Frage, die von Wissenschaftlern auf Grund bester wissenschaftlicher Methoden zu lösen ist, aber sie ist keine Frage des Glaubens.

Eine zweite Schwierigkeit betrifft den Zugang zum Verständnis der Erbsündenlehre. Für viele scheint das Wort Erbsünde ein Widerspruch zu sein. Denn das Erbe ist etwas, was man ohne eigenes Verdienst  durch Abstammung übernimmt, die Sünde dagegen ist eine persönliche Tat, für die man verantwortlich ist. Das scheint in ein Dilemma zu führen: Entweder ist der sündige Zustand durch ein Erbe übernommen, dann ist er keine Sünde; oder aber er ist Sünde, dann aber ist das Wort Erbe fehl am Platz.

Die Schwierigkeiten lösen sich, wenn wir das individualistische Menschenbild, das hinter dem Einwand steht, aufgeben und uns auf die Solidarität der Menschen besinnen: Keiner fängt von vorne an, keiner beginnt gleichsam am Punkt Null. Jeder ist zuinnerst durch seine eigene Lebensgeschichte, die Geschichte seiner Familie, seines Volkes, seiner Kultur, ja der ganzen Menschheit geprägt. Dabei findet er eine Situation vor, die durch Schuld bestimmt ist. Wir werden in eine Gesellschaft hineingeboren, in der Egoismus, Vorurteile, Ungerechtigkeit, Unwahrhaftigkeit herrschen. Das prägt uns nicht nur im Sinn des äußerlichen schlechten Beispiels, das bestimmt unsere Wirklichkeit. Denn keiner lebt für sich; alles, was wir sind, sind wir mit anderen zusammen. So wohnt die allgemeine Sündhaftigkeit allen inne; sie ist jedem zueigen. Unsere Sünde wirkt wiederum auf die anderen ein. Es gibt also ein Netz gemeinsamer Schuldverstrickung und einer allgemeinen Solidarität in der Sünde, aus der sich keiner lösen kann. Das gilt auch und gerade für die kleinen Kinder. Sie sind persönlich unschuldig; sie haben aber ihr Leben nur in Form der Teilhabe am Leben der Erwachsenen, besonders der Eltern; deshalb sind sie noch mehr als die Erwachsenen in deren Geschichte hineinverflochten.

Nach katholischer Lehre besteht die Erbsünde also im Zustand allgemeiner Heillosigkeit des Menschen und der Menschheit, (Lies: Röm 7:15.17-19.22-24)

Die Lehre von der Universalität der Sünde hat eine vielfache praktische Bedeutung. Sie sagt: jeder Mensch ist Sünder. „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1 Joh 1:18). Diese Lehre zerstört die Illusionen, die wir uns selber machen und führt uns dazu, nicht länger unserer Schuld auszuweichen, sie zu bagatellisieren und immerzu nur fremde Sündenböcke zu suchen: die anderen, das Milieu, das Erbe, die Anlagen. Die Lehre von der Erbsünde sagt uns aber auch, dass wir bei der konkreten Zuweisung von persönlicher Schuld vorsichtig sein müssen, und nicht vorschnell urteilen und verurteilen dürfen. Letztlich sieht nur Gott in das Herz der Menschen. Er aber will nicht verurteilen, sondern vergeben. Erst im Wissen um die Vergebung ist das Eingeständnis der Sünde möglich. Deshalb weisen wir nochmals darauf hin, dass die Realität der Universalität der Sünde übertrumpft, gleichsam in den Schatten gestellt wird durch das Licht des Glaubens and die Universalität des Heils, angekündigt über die gesamte, lange Zeit des Alten Testamentes hin und schließlich verwirklicht in Jesus Christus. Die wichtigste Funktion der Lehre von der Erbsünde ist es, uns auf Gottes vergebende und heilende Liebe hinzuweisen, die uns in Jesus Christus angeboten worden ist.

    b. Gottes Heilswille und Jesu stellvertretender Sühnetod

Der schändliche Tod Jesu am Kreuz war für jüdische Menschen ein Gottesgericht, ja ein Fluch (vgl. Gal 3:13), für die Römer eine Schmach und, wie nicht wenige Zeugnisse belegen, ein Grund zu Verachtung und Spott. Paulus schreibt in 1 Kor 1:22-23: „Die Juden fordern Zeichen…..etc. :

Es war deshalb eine schwierige Aufgabe für die urchristliche Verkündigung, diesen Skandal des Kreuzes recht zu verstehen. Doch in Erinnerung an Jesu eigene Worte beim letzten Abendmahl und im Licht der Auferweckung Jesu durch Gott wurde ihr vollends bewusst, dass dieser so anstößige Tod Jesu zwar auf der vordergründigen Ebene der Geschichte durch den Unglauben und die Feindschaft von Menschen bewirkt wurde, dass dahinter aber Gottes Wille, Gottes Heilsplan, ja Gottes Liebe steht. Die ersten Christen erkannten im Weg Jesu durch Leiden und Tod ein göttliches „Muss“ (vgl. Mk 8:31; Lk 24:7.26.44), das bereits im Alten Testament vorgezeichnet ist, Deshalb heißt es bereits in der frühesten Überlieferung des Alten Testaments, die Paulus in seinen Gemeinden schon vorfand, als er sich bekehrte, Jesu Christus sei gemäß den Schriften für uns gestorben (vgl. 1 Kor 15:3). Im Lichte des vierten Lieds vom Gottesknecht im Jesajabuch (vgl. Jes 52:13-53:12) kann Paulus im Tod Jesu die unergründliche Liebe Gottes erkennen, der selbst seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns dahingegeben hat (vgl. Röm 8:32.39; Joh 3:16), um in ihm die Welt mit sich zu versöhnen (vgl. 2 Kor 5:18-199: Das Kreuz ist das Äußerste der sich selbst entäußernden Liebe Gottes).

    “Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben.Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt. Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar?Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.” (Jes 53:12-53:12)

Der Hingabe Jesu durch Gott entspricht als Antwort Jesu eigene gehorsame Hingabe (das ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes islām als Verbalnomen) an den Willen des Vaters „für uns“. Diese Deutung des Todes Jesu als stellvertretende Lebenshingabe führt uns in die innerste Mitte des neutestamentlichen Zeugnisses.

Der Stellvertretungsgedanke greift eine menschliche Grundgegebenheit auf, nämlich die solidarische Verbundenheit aller Menschen. Die Bibel nimmt diesen Gedanken auf und macht ihn in neuer Weise zu einem Grundgesetz der gesamten Heilsgeschichte: Adam handelt als Repräsentant der ganzen Menschheit und begründet die Solidarität aller in der Sünde, Abraham wird als Segen für alle Geschlechter berufen (vgl. Gen 12:3), Israel als Licht für die Völker (vgl. Jes 42:6). Die Heilige Schrift konkretisiert diese Idee durch den Gedanken vom stellvertretenden Leiden, der sich schon im vierten Gottesknechtslied findet (vgl. Jes 53:4-5.12).

Der für die Bibel so zentrale Stellvertretungsgedanke ist besonders geeignet, um im Glauben verständlich zu machen, wie der Tod Jesu für uns Heilsbedeutung haben konnte. Die Folge der Solidarität der Menschen in der Sünde war ja die Solidarität aller im Todesschicksal. Darin zeigt sich vollem die heil- und hoffnungslose Situation des Menschen. Indem nun Jesus Christus, die Fülle des Lebens, mit uns im Tode solidarisch wird, macht er seinen Tod zur Grundlage einer neuen Solidarität. Sein Tod wird nun für alle, die unter dem Schicksal des Todes stehen, zur Quelle neuen Lebens.

Die Deutung des Todes Jesu als stellvertretendes Leiden und Sterben geht im Kern auf Jesus selbst zurück. Das zeigt auch das sehr alte Wort: Mk 10:45.

Schwer verständlich für viele Menschen heute ist auch  die biblische Idee vom Opfertod Jesu. Wollen wir den tieferen Sinn des Opfergedankens verstehen, dann müssen wir uns klarmachen, dass es beim Opfer nicht primär auf die äußeren Opfergaben ankommt. Die dargebrachten Opfergaben sind nur als Zeichen der personalen Opferhaltung sinnvoll; diese innere Haltung muss sich freilich äußern und verleiblichen. Bei Jesus wird die personale Selbsthingabe (islÁm) ganz eins mit der Opfergabe; er ist Opfergabe und Opferpriester in einem. So war sein Opfer das vollkommene Opfer, die Erfüllung aller anderen Opfer, die nur schattenhafte Vorausbilder dieses einen, ein für allemal dargebrachten Opfers sind (Hebr 9:11-28). Deshalb kann der Hebräerbrief sagen, dass es bei diesem Opfer nicht um eine äußere dingliche Opfergabe geht, sondern um die Selbsthingabe Jesu im Gehorsam gegenüber dem Vater (vgl. Hebr 10:5-10). Durch diese stellvertretende Ganzhingabe wird die Gott entfremdete Menschheit wieder ganz eins mit Gott. So ist Jesus durch sein einmaliges Opfer der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen (vgl. 1 Tim 2:5).
Verbunden mit dieser Idee sind die Bilder vom „Loskauf“, „Befreiung“ und „Erlösung“.

In all diesen vielfältigen Bildern und Aussagen geht es im Grunde um ein und dasselbe Thema. Sie wollen auf immer neue Weise die zuvorkommende und rettende Liebe Gottes verkünden, die Jesus durch seinen Gehorsam und durch seine Hingabe stellvertretend für uns ein für allemal ergriffen hat, um so Frieden zu stiften zwischen Gott und den Menschen wie zwischen den Menschen untereinander. So kann der Epheserbrief sagen: „Er ist unser Friede“ (Eph 2:14). In ihm sind die Entfremdungen, welche die Sünde zwischen Gott und den Menschen, zwischen den Menschen und im Menschen selbst verursacht hat, wieder geheilt und versöhnt. So ist das Kreuz schließlich Zeichen des Sieges über alle Gott und den Menschen feindlichen Mächte und Gewalten, ein Zeichen der Hoffnung.

    c. Die Verantwortung des Menschen für sein Heil

Kein Mensch wird gegen seinen Willen erlöst. Das Heil, das Gottes unendliche Liebe uns durch seinen Sohn im Heiligen Geist anbietet, will vom Menschen durch ein freies Ja angenommen werden. Das frei angenommene Geschenk der heilenden und erlösenden Liebe Gottes, letztlich Gottes, des Heiligen Geistes selbst, setzt einen lebenslangen Prozess der Heiligung in Gang. Durch die in der Kraft des Heiligen Geistes, d.h. der Gnade Gottes vollbrachten guten Werke, kann der Mensch innerlich, geistlich wachsen. Die Gnade kann aber auch durch die Sünde verloren gehen, wie sie durch wahre Umkehr immer wieder neu geschenkt wird. So ist das ganze Leben des Christen ein Kampf mit der Versuchung, Gott wieder zu vergessen, ihm ungehorsam zu sein. Das Leben des Christen ist in diesem Sinn stete Hinkehr und Umkehr zu Gott. Immer wieder bedarf es der Erneuerung und Vertiefung. Aber auch wenn wir alles getan haben, bleiben wir noch immer „unnnütze Knechte“ (vgl. Lk 17:10).

    d. Die frohe Botschaft vom Heil gilt grundsätzlich von allen Menschen

Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Tim 2:4). Er will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehrt und am Leben bleibt (vgl. Ez 33:11; 2 Petr 3:9). Diese Universalität des göttlichen Heilswillens ist vom 2. Vatikanischen Konzil nochmals mit Nachdruck zur Geltung gebracht worden:

    „Wer nämlich das Evangelium Christi and seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinem im Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluss der Gnade in der Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen. Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne göttliche Gnade, eine rechtes Leben zu führen sich bemühen. Was sich nämlich an Gutem und Wahrem bei ihnen findet, wird von der Kirche als Vorbereitung für die Frohbotschaft und als Gabe dessen geschätzt, der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe.“ (Konzilskonstitution Lumen Gentium = Das Licht der Völker, 16)

Die Erwählung und Berufung des Menschen, jedes Menschen, besagt freilich auch, dass Gott den Menschen als Menschen annimmt und ernst nimmt. Deshalb will er die freie Antwort und Zustimmung des Menschen. Ja, Gott macht in seiner Liebe, die Verwirklichung seines Heilswillens von unserer Freiheit abhängig. Das bedeutet, dass wir durch unsere Schuld das Heil auch verfehlen können.

Frage 22: “Wenn Dreifaltigkeit die Natur Gottes ist, dann müssen auch die Wesenseigenschaften (bzw. Merkmale) des nach dem Bilde Gottes geschaffenen Menschen der dreifaltigen Natur Gottes ähnlich sein. Welches sind diese Wesenseigenschaften (bzw. Merkmale)? Mit anderen Worten: Was ist es, das den Menschen Gott ähnlich macht?” (TR)

Antwort:
Es lässt sich zeigen, dass das christliche Menschenbild, besonders das Personverständnis, ganz wesentlich von der trinitarischen Gottesoffenbarung her geprägt ist. Es ist eine alte Einsicht, dass das Verständnis, das der Mensch von sich selbst hat, aufs engste mit seinem Glauben und dem entsprechenden Gottesbild verknüpft ist. Der Mensch entdeckt, wer er ist, gewissermaßen, „auf dem Umweg“ über die jeweilige Erfahrung und Kenntnis vom Göttlichen. Der Theologe Emil Brunner schreibt: „Für jede Kultur, für jede Geschichtsperiode gilt der Satz: <Sage mir, was für einen Gott du hast, und ich will dir sagen, wie es um deine Menschlichkeit steht.>“

Gottesbild und Menschenbild spiegeln sich gegenseitig. So entdeckte das christliche Denken bald: Auch das Personsein des Menschen ist als Bild des göttlich-trinitarischen Personseins nicht nur und nicht vorrangig durch substantielles Ich-Sein oder auch In-sich-Sein geprägt, sondern wie bei Gott durch Beziehung: von anderen her – auf andere hin. Person im Vollsinn wird man durch gegenseitige freie Anerkennung, im Miteinander-Sein und Füreinander-Sein. Der andere gehört also wesentlich zum eigenen Personsein dazu. Im anderen und durch den anderen gewinne ich mich selbst, wird mein Leben erst reich, erfüllt und vollendet. Ja, vom trinitarischen Gott her zeigt sich, dass In-sich-Sein und Miteinander-Sein nicht Gegensätze  sind und dass beides auch nicht im umgekehrten Verhältnis zueinander steht, wie man vielleicht spontan formulieren möchte: Je mehr ich Ich bin, um so weniger bin ich von anderen abhängig und auf andere hingeordnet; und je mehr ich von Beziehungen abhängig bin, um so weniger bin ich Ich! Nein, beides zeigt sich im Blick auf den drei-einen Gott als direkt proportional: Die Personen in Gott sind dadurch ja sie selbst, dass sie ganz und gar voneinander her und aufeinander hin sind und so die untrennbar eine Gottheit ausmachen. An ihr lässt sich ja „ablesen“, dass die Relation, das In-Beziehung-zum-anderen-Stehen, die höchste Form der Einheit ist. Und nach dieser Form der Einheit sehnen wir uns alle, nicht nach einer „Allerweltseinheit“, sondern nach einer Einheit, die sich in den gegenseitigen Beziehungen, und nach einer Unterschiedenheit, die sich in einem Beziehungsnetz, im einen gemeinsame Zusammenspiel vollzieht.

Frage 23: “Im gesamten Alten Testament wird gesagt, Gott sei einer, keine Personen, absolut niemand stehe an seiner Seite. Der Begriff Dreifaltigkeit wird zum ersten Mal im Jahre 200 nach Christus von Tertullian [Afrikanischer Kirchenvater (ca. 160 – ca. 225)] verwandt. Können Sie irgendwo im Alten Testament eine Stelle aufzeigen, die den Begriff oder auch nur eine Andeutung auf die Dreifaltigkeit enthält?” (TR)

Antwort:
Wie bahnt sich die Offenbarung Gottes als dreieine Wirklichkeit, als Gemeinschaft der Liebe, im Glauben des Alten Testamentes an? Der Fragende lese erneut Kap. 5 III unseres Buches.

Der Jude, der Glaubende des Alten Testaments, der Gottes harrte, kannte Gott bereits. Auch Jesus wuchs im Glauben des jüdischen Volkes heran. In seiner Erwählung hatte Gott dem jüdischen Volke - und damit jedem gläubigen Juden - seine Berufung zum Bewusstsein gebracht: Im Bunde hatte er Sorge für sein Dasein übernommen; durch seine Propheten hatte er tatsächlich sein Wort an ihn gerichtet (Hebr 1:1). Gott stand vor ihm als lebendiges Wesen, die ihn (das Volk) zum Zwiegespräch aufforderte. Wie weit aber dieser Dialog gehen sollte, welchen Einsatz Gott zu leisten bereit war, welche Antwort der Mensch zu geben hatte, das vermochte das Alte Testament noch nicht zu sagen. Es blieb eine Distanz zwischen dem Herrn und seinen treuesten Dienern.  Gott ist ein „Gott des Erbarmens und der Huld“ (Ex 34,6), er besitzt die Leidenschaft eines Bräutigams und die Zärtlichkeit eines Vaters (man lese hier bes. Hos 11 und Jer 2:1-9); welche Geheimnisse aber hielt Gott hinter diesen Bildern, die wohl der tiefsten Sehnsucht der Gläubigen entgegenkamen und ihr Nahrung zu vermitteln mochten, aber die Wirklichkeit selbst noch verschleierten, noch zurück?

Dieses Geheimnis ist in Jesus Christus offenbart worden. Angesichts seines Auftretens in der Geschichte vollzieht sich ein Gericht, die Scheidung der Herzen. Jene, die sich weigern, an Jesus zu glauben, mögen wohl von seinem Vater sagen: „Er ist unser Gott“; sie kennen ihn jedoch kaum und sprechen sozusagen nur eine Lüge aus (Joh 8:54f; vgl. 8:19). Jene, die an Jesus glauben, sind dagegen durch keinerlei Geheimnis mehr gehalten oder, besser gesagt, sie sind in das Geheimnis selbst eingeladen worden, in das undurchdringliche Geheimnis Gottes, sie sind in diesem Geheimnis zu Hause, sie werden vom Sohne in es eingeführt: „Alles, was ich von meinem Vater übernommen habe, habe ich euch kundgetan“ (Joh 15:15). Es gibt keine Bilder, keine Gleichnisse mehr. Jesus spricht offen von seinem Vater (Joh 16:25). Es gibt keine Fragen mehr, die sie an ihn zu richten hätten (Joh 16:23), kein Bangen mehr (Joh 14:1), die Jünger „haben den Vater gesehen“ (Joh 14:7).

„Gott ist die Liebe“: dies ist das Geheimnis (1 Joh 4:8.16), an das man nur durch Jesus Christus herankommt, und dies dadurch, dass wir in ihm „jene Liebe erkennen, die Gott zu uns hat“ (1Joh 4:16). 

Aus der meditativen Lektüre der Schriften des Neuen Testaments ergibt sich: Der Gott Jesu Christi, d.h. der Gott, der Jesus in den Schriften des Alten Testaments begegnet, ist sein Vater. Wenn Jesus sich an ihn wendet, dann tut er dies mit der Vertrautheit und Unmittelbarkeit des Sohnes: „Abba“. Aber er ist auch deshalb sein Gott, weil der Vater, der die Gottheit besitzt, ohne sie von einem anderen zu erhalten, sie in seiner ganzen Fülle dem Sohne schenkt, den er von Ewigkeit zeugt , wie dem Heiligen Geist , in dem beide geeint sind. Auf diese Weise offenbart uns Jesus die Identität des Vaters und Gottes, des göttlichen Geheimnisses und des trinitarischen Geheimnisses. Dreimal wiederholt der hl. Paulus die Formel, die diese Offenbarung zum Ausdruck bringt: „Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (Röm 15:6; 2 Kor 11:31; Eph 1:3). Christus offenbart uns die göttliche Dreieinigkeit  mittels des einzigen Weges  der uns – wenn man so sagen darf – erschlossen werden konnte; mittels des Weges, für den uns Gott vorherbestimmt hat, indem er uns nach seinem Bilde schuf, nämlich mittels des Kindschaftverhältnisses.

Weil aber der Sohn im Angesichte seines Vaters das vollkommene Vorbild der Kreatur vor Gott ist, offenbart er uns im Vater das vollkommene Bild jenes Gottes, der sich der echten Weisheit zu erkennen gibt und der sich Israel offenbart hat. Der Gott Jesu Christi besitzt jene Züge, die er im Alten Testament von sich selbst offenbart hat, in einer Fülle und in einer Ursprünglichkeit, die sich der Mensch nicht zu erträumen vermocht hätte. Er ist für Jesus wie für keinen von uns „der Erste und der Letzte“, jener, von dem Christus ausgeht und zu dem er zurückkehrt, jeder, der alles erklärt und von dem alles seinen Ausgang nimmt, jener, dessen Wille unter allen Umständen erfüllt werden muss und der stets genügt. Er ist der Heilige, der einzig Gute. Der einzige Herr. Er ist der Alleinige, demgegenüber nichts zählt. Jesus aber opfert, um zu zeigen wie groß und über alles erhaben der Vater ist, mit anderen Worten, „damit die Welt erkenne, (dass er seinen) Vater liebe“ (Jo 14:31), jeglichen Glanz der Schöpfung, tritt der Macht des Satans entgegen und nimmt den Horror des Leidens, des Todes, ja des Todes als eines ungerecht zum Kreuzestod Verurteilten auf sich. Der Vater ist der lebendige Gott, stets auf seine Geschöpfe bedacht, voll Liebe zu seinen Kindern. Seine Glut ist es, die Jesus verzehrt, bis er seinem Vater das Reich übergeben wird (Lk 12:50). 

Die Begegnung des Vaters und des Sohnes vollzieht sich im Heiligen Geiste. Im Heiligen Geist hört Jesus den Vater zu sich sagen: „Du bist mein Sohn“, und empfängt er seine Freude (Mk 1:10). Im Heiligen Geiste lässt er seine Freude, der Sohn zu sein, zum Vater emporsteigen (Lk 10:21f.). Wie Jesus Christus nur im Geiste mit dem Vater geeint sein kann, kann er auch den Vater nicht offenbaren, ohne gleichzeitig auch den Heiligen Geist zu offenbaren. Wenn der Vater und der Sohn im Geiste geeint sind, so tun sie dies im Schenken, in der Gabe. Dies aber bedeutet, dass ihr Einssein eine Gabe ist und eine Gabe hervorbringt. Wenn aber der Geist, der Gabe ist, so die Einheit des Vaters und des Sohnes besiegelt, dann bedeutet dies, dass sie in ihrem Sosein Gabe ihrer selbst sind, dass ihre gemeinsame Wesenheit darin besteht, sich zu schenken, im anderen zu existieren und dem anderen Leben zu geben. Diese Macht des Lebens, der Kommunikation und der Freiheit ist der Heilige Geist.

Frage 24: “Können Sie im Evangelium eine Taufe aufweisen, die im Namen der Dreifaltigkeit gespendet worden ist? Alle Taufen wurden im Namen Jesu des Messias (Christi) vollzogen.” (TR)

Antwort:
Die Taufe reinigt, heiligt und macht recht vor Gott, sie macht denjenigen, der sie durch den Namen der Herrn Jesus und durch den Hl. Geist Gottes empfängt, Gott angenehm, recht sozusagen (in theologischer Fachsprache: „rechtfertigt“ vor Gott). Der oder die Getaufte ist durch die Taufe „Glied Christi“ und „Tempel des Hl. Geistes“ geworden (vgl. 1 Kor 6:12-20, bes. Verse 15 und 19). Der oder die Getaufte ist ein Adoptivkind des Vaters geworden. (Gal 4:5-7), ein Bruder und Miterbe Christi in inniger Vereinigung mit ihm (Röm 8:2.9.17; Gal 3:28). Taufe „im Namen Jesu“ (Apg 10:48: 19:5) bezeichnet Taufe insofern als sie „anhängen an“, besser: „zugehören zu” Christus bedeutet, und auch, um sie zu unterscheiden von der Taufe des Johannes (des Täufers). Diese Weise von der Taufe zu sprechen bedeutet nicht, dass hier der genaue Wortlaut einer frühen Taufformel wiedergegeben würde, in welcher ausschließlich Christus genannt worden wäre. Im Gegenteil, die apostolische Tradition war der Meinung, dass die trinitarische Formel (d.h. die Formel: „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“), die sie von Anfang an in der Taufliturgie verwandte, genau der feierlichen Anweisung Jesu Christ entsprach, wie sie Mt 28:19 wiedergibt.

Frage 25: “Kann jemand, der zum Glauben an Jesus Christus gekommen ist, seine Erlösung wieder verlieren?” (TR)

Antwort:
Der Glaube an Jesus Christus als den Sohn Gottes, Erlöser und Heiland der Menschen, ist beides zu gleicher Zeit: Geschenk der Güte Gottes und, auf der Seite des Menschen, das Ergebnis der freien Annahme dieses Geschenkes verbunden mit der Umkehr von der Sünde und der Hinwendung zu Gott. Gott achtet die Freiheit des Menschen. Er erwartet persönlich verantwortete Hingabe. Somit zwingt er uns den Glauben nicht auf, noch vermittelt er ihn uns automatisch. Es liegt im Wesen wahren Glaubens, frei angeboten und frei angenommen zu sein.

Damit ist eigentlich auch schon die Antwort auf unsere Frage gegeben. Der Glaube kann von einem Menschen vernachlässigt oder gar zurückgewiesen werden, selbst nachdem er zunächst frei angenommen worden war. Der Mensch, der den Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes aus freien Stücken vernachlässigt und gar bewusst aufgibt, weist damit auch das Geschenk der Erlösung zurück, das ihm angeboten worden war und das er zunächst frei angenommen hatte. Ein solcher Mensch wählt die Gottesferne oder stellt sich gar bewusst gegen Gott. Die Hölle bedeutet: sich selbst auf immer Gottes Liebe gegenüber verschlossen zu haben und so sich selbst in das absolute Unglück der Gottesferne, ja der Feindschaft gegen Gott,d.h., der Hölle, gestoßen zu haben.

Weder in der Heiligen Schrift noch in der kirchlichen Glaubensüberlieferung wird von irgendeinem Menschen mit Bestimmtheit gesagt, dass er sei tatsächlich in der Hölle sei. Vielmehr wird die Hölle immer als reale Möglichkeit  vor Auge gehalten, verbunden mit dem Angebot der Umkehr und des Lebens.

Frage 26: “Ich habe eine Frage, die das Verständnis des Heiligen Geistes betrifft. Er soll bei den Orthodoxen und Katholiken anders verstanden worden sein: Katholiken sollen sagen, dass der Heilige Geist vom Vater und dem Sohn hervorgehe, die Orthodoxen sollen behaupten, dass er nur vom Vater hervorgehe. Bei den Streitigkeiten um die wahre Lehre in Jahre 1054 soll dieser Glaube eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Orthodoxen sagen, dass das Evangelium sie unterstütze: ‘Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen’ (Johannes 15,26). Wie erklären Sie diese Aussage des Evangeliums?” (TR)

Antwort:
Was ist das: Geist? heiliger Geist? Oder gar der Heilige Geist als göttliche Person?Ursprünglich meint Geist im biblischen Sprachgebrauch Wind, Luft, Sturm, dann Atem als Zeichen des Lebens. Gottes Geist ist darum der Sturm und der Atem des Lebens; er ist es, der alles schafft, trägt und erhält. Er ist es vor allem, der in der Geschichte wirkt und Neues schafft. Im Alten Testament wirkt er vor allem durch die Propheten. Im Credo bekennen wir: „der gesprochen hat durch die Propheten“. Für das Ende der Zeit erhofft das Alte Testament vom Geist die große Erneuerung durch die allgemeine Ausgießung des Geistes (vgl. Joёl 3:1-2).

Diese endzeitliche Erneuerung sieht das Neue Testament in Jesus Christus gekommen. Sein Auftreten und Wirken war von Anfang an vom Wirken  des Geistes begleitet: bei der Taufe durch Johannes (vgl. Markus 1:10), in seiner Verkündigung (vgl. Lukas 4:18), in seinem Kampf gegen die Dämonen (vgl. Matthäus 4:1; 12:28), bei seiner Hingabe am Kreuz (vgl. Hebräer 9:14) und bei seiner Auferweckung (vgl. Römer 1:4; 8:11). Der Name „Christus“ war ursprünglich ein Titel: Jesus ist der vom Geist Gesalbte, der Messias. Jesus Christus ist jedoch nicht Geistträger wie die Propheten. Er besitzt den Geist Gottes in ungemessener Fülle. Als Auferstandener ist er deshalb Quelle des göttlichen Geistes; er schenkt ihn als Gottes Gabe den Aposteln, er sendet ihn an Pfingsten seiner Kirche (vgl. Apostelgeschichte 2:32-33).

Die Sendung des Heiligen Geistes ist es, an alles zu erinnern, was Jesus Christus gesagt und getan hat und uns so in die ganze Wahrheit einzuführen (vgl. Johannes 14:26; 16:13-14). In ihm ist Jesus Christus bleibend in der Kirche und in der Welt gegenwärtig (vgl. 2 Korinther 3:17). Deshalb wird der Heilige Geist als Geist Jesu Christi  (vgl. Römer 8,9; Philipper 1:19) und als Geist des Sohnes (vgl. Galater 4:6) bezeichnet. Er wird auch Geist des Glaubens genannt (vgl. 2 Korinther 4:13); durch ihn können wir Jesus Christus als Herrn bekennen (vgl. 1 Korinther 12:3) und beten „Abba, Vater“ (Römer 8:15; vgl. Galater 4:6). Der Heilige Geist ist die Gabe des neuen Lebens. Vater und Sohn senden ihn uns. Indem Gott uns seinen Geist schenkt, schenkt er sich selbst. Durch die Gabe des Geistes empfangen wir Gemeinschaft mit Gott, nehmen wir teil an seinem Leben, werden wir Kinder Gottes (vgl. Römer 8:14; Galater 4:6). Das ist nur möglich, weil der Geist nicht geschöpfliche, sondern göttliche Gabe ist, in der sich uns Gott selbst mitteilt.

    „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5:5)

Der Geist Gottes ist aber nicht nur Gabe, er ist auch Geber. Er ist nicht nur eine Kraft, mit der jemand wirken kann, sondern selbst auch ein Wirkender. Er ist nicht etwas, sondern jemand: Er ist Person. Er teilt seine Gaben aus, wie er will (vgl. 1 Korinther 12:11); er lehrt und erinnert (vgl. Johannes 14:26); er spricht und „betet“ (vgl. Römer  8:26-27); man kann ihn betrüben (vgl. Epheser 4:30).

Auch über diese Frage kam es zu Auseinandersetzungen, vor allem im 4. Jahrhundert. Manche meinten, der Heilige Geist sei nur ein dem Sohn untergeordneter Diener, eine Art Engelwesen. Dagegen wandten sich die drei großen Kirchenväter: Basilius, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa. Ihr Argument: Wenn der Heilige Geist nicht göttlichen Wesens ist wie der Vater und der Sohn, dann kann er uns auch nicht  die Gemeinschaft mit Gott und die Teilhabe am Leben Gottes schenken. So vorbereitet, konnte die Kirche auf dem zweiten allgemeinen Konzil, dem Konzil von Konstantinopel (381), bekennen, dass der Heilige Geist Herr, d.h. göttlicher Art ist, dass er nicht nur Gabe sondern Spender des Lebens ist und dass ihm mit dem Vater und dem Sohn göttliche Anbetung und Verherrlichung gebührt. Dieser Glaube kommt im „Großen Glaubensbekenntnis“ zum Ausdruck:

     „Wir glauben an den Heiligen Geist,
    der Herr ist und lebendig macht,
    der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
    der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird.“

Die Formulierung „und dem Sohn“, das berühmte Filioque (=die lateinisch für “und dem Sohn”), war im ursprünglichen Glaubensbekenntnis von Konstantinopel noch nicht enthalten. Sie kam als Lehrformel in Spanien im 5.-7. Jahrhundert auf, wurde aber erst im 11. Jahrhundert ins Glaubensbekenntnis der römischen Kirche aufgenommen. Bis heute stellt diese Zusatzformulierung einen Unterschied zu der orthodoxen Kirche dar. Die Orthodoxen gebrauchen die Formel „aus dem Vater durch den Sohn”. Damit wollen sie deutlicher zum Ausdruck bringen, dass in Gott der Vater allein Ursprung und Quelle ist. Die Römische Kirche und die anderen Kirchen des Westens wollen stärker betonen, dass der Sohn mit dem Vater wesenseins und ihm gleichgestellt ist. In diesem Grundanliegen kommen Ost und West überein. Sie benützen aber unterschiedliche theologische Begriffe und Denkmodelle. Deshalb liegt hier nach römisch-katholischer Überzeugung eine legitime Einheit  in der Vielfalt, aber kein kirchentrennender Unterschied vor.

Dieses Ost und West verbindende Bekenntnis will sagen: Der Heilige Geist ist nicht nur irgendeine Gabe Gottes, er ist Gottes Gabe in Person. Denn das Leben des Menschen und sein Geheimnis finden erst  in der Teilhabe am Leben und Geheimnis Gottes ihre Erfüllung. Doch der Heilige Geist ist nicht nur Gabesein Gottes, sondern auch der göttliche Geber dieser Gabe, der Spender des Lebens. Wie der Vater der Ursprung und die Quelle des Sohnes ist und alles, was er ist, dem Sohn schenkt, so schenken Vater und Sohn, bzw. der Vater durch den Sohn die ihnen eigenen Fülle des göttlichen Lebens und Seins weiter und bringen so gemeinsam den Heiligen Geist hervor. Wie der Geist gegenüber Vater und Sohn reines Empfangen ist, so ist er gegenüber uns sprudelnde Quelle, Spender des Lebens. Er ist die bewegende und schöpferische Kraft des neuen Lebens und der endzeitlichen Verwandlung des Menschen und der Welt.

Was dieses vom Heiligen Geist geschenkte Leben bedeutet, bringt der bekannte Hymnus „Veni Creator Spiritus“ aus dem 9. Jahrhundert in schöner Weise zum Ausdruck:

     “Komm, Heiliger Geist, der Leben schafft,
     erfülle uns mit deiner Kraft.
     Dein Schöpferwerk rief uns zum Sein:
     Nun hauch uns Gottes Odem ein…

     Aus dir strömt Leben, Licht und Glut,
     du gibst uns Schwachen Kraft und Mut…“

Schöner als es in diesen Liedern geschieht, kann kein Konzil, kein Katechismus und kein Theologe ausdrücken, was wir meinen, wenn wir bekennen: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht.“

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