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Fragen & Antworten 8

Frage 66: Gibt es heutzutage oder überhaupt in der Geschichte des Islam Strömungen, die den Wert der Ehelosigkeit sehen? (DE)

Antwort:
Der Koran spricht sich für die Ehe aus (24,32). Er lobt zwar die Mönche im Allgemeinen, macht jedoch einen Vorbehalt im Hinblick auf die Ehelosigkeit (57,27). Die islamische Tradition überliefert außerdem den Spruch: „Es gibt kein Mönchtum im Islam“ oder; „Es gibt keinen Zölibat im Islam (in der Hadith-Sammlung von Abu Dawūd). Muhammad, so die Überlieferung, habe auch einmal einem Muslim, der ohne plausible Gründe nicht heiraten wollte, gesagt: „Du hast dich also entschlossen, zu den Brüdern des Teufels zu zählen! Entweder willst du ein christlicher Mönch werden, dann schließe dich ihnen offen an, oder du bist einer von uns, dann musst du unserem Weg folgen. Unser Weg ist die Ehe.“

Trotz dieser und weiterer ähnlicher Aussprüche haben sich manche Asketen bzw. Sufis zu einem ehelosen Leben entschlossen. Diejenigen, die verheiratet waren, betonten dennoch die Vorzüge des zölibatären Lebens und die Schwierigkeiten, die einen Ehe- und Familienleben dem Asketen bereiten. Der Verheiratete, so wurde angemerkt, sieht seinen inneren Frieden bedroht und seine Suche nach dem Antlitz Gottes durch die Sorge um die Familie erschwert. Deswegen wünschten sich einige Asketen die Befreiung von diesen Fesseln. Für einige von ihnen wurde gar das Verlassen der Gattin und der Familie als zulässig betrachtet, wenn der Asket sich ausschließlich seinen frommen Übungen widmen wollte. Nicht wenige Muslime haben immer wieder, vor allem während des Monats Ramadan, in der Suche nach größerer Nähe zu Gott (taqarrub bi Allah. vgl. Sure 56, 7-11; 88-94) für eine begrenzte Zeit in Zurückgezogenheit von der Familie, sozusagen zölibatär auf Zeit, gelebt. In Sure 3,45 wird Jesus  ausdrücklich als einer von denen bezeichnet, „die in die Nähe [Gottes] zugelassen werden“. Ferner wird in zeitgenössischen Bewegungen wie z. B. der Tablïghi Jamā‛at (Gemeinschaft der Verkündigung) das Verlassen der Familie für durchschnittlich einen Monat im Jahr von allen aktiven Mitgliedern gefordert, damit sie für Predigttätigkeit auf Wanderschaft frei zu seien.

Einige der Asketen verstanden den Verzicht auf die Welt auch als Abwendung von der Gesellschaft  der Menschen. In der Einsamkeit suchten sie Ruhe, die ihnen die Verrichtung der religiösen Übungen leichter machen konnte. Der Umgang mit den Menschen – davon waren sie überzeugt – bringe doch nur äußere Geschäftigkeit und ziehe in die Nähe sündiger Menschen. Am besten sollte der Asket sein Leben so führen, als wäre er allein vor Gott und als wären die Menschen überhaupt nicht vorhanden. Sicher wirkten auf solche Haltungen und Überzeugungen auch welt- und gar leibfeindliche Strömungen aus vor- und außerislamischen Religionen bzw. Denkrichtungen ein (vgl. Tor Andrae, Islamische Mystik. 2. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer, 1980, S. 56-58). (Diese Antwort gibt weitgehend den letzten Teil des Beitrags „Askese“ von Th. A. Khoury wieder, aus Khoury/Hagemnann/Heine, Islam-Lexikon I, S. 85f.)

Die Jungfräulichkeit Marias, der Mutter Jesu – so wie der Koran sie darstellt – kann die Option für das zölibatäre Leben durch Christen Muslimen verständlicher machen. Der Koran lehrt, dass Gott Maria, deren Leib keusch war, als ein Beispiel, als ein Model für diejenigen aufgestellt hat, die glauben (vgl. Sure 66,11-12). Während Jesus, nach dem Glauben der Muslime, ein Prophet war und  Wort und Geist von Gott, wird Maria im Koran als gottergebene, fromme Person dargestellt, m. a. W. als „zu denen gehörend, die [Gott] demütig ergeben sind“ (min al-qānitïn) (66,12). Eine Frau, die der Botschaft Gottes totales Vertrauen schenkte und als eine „wahrhaftige“ Frau (siddïqa, Sure 5,75).) Der Koran stellt sie dar als jemanden, der sich vom gewöhnlichen, geschäftigen Leben zurückzog und an einen entfernten Ort ging, um sich dem Gebet zu widmen (vgl. Sure 19,16-17). Der große Hadith-Sammler al-Tirmidhi (d. 892) kommentierte die letztgenannte Koranstelle folgendermaßen: „Maria wurde aufgefordert in einem Zustand inneren Gebetes, oder „des Gebetes des Gottgedenkens“ (dhikr) zu leben, währenddessen ihr Herz ganz und gar Gott zugewandt sein würde. So würde Er es mit Liebe füllen, und ihre Seele würde ganz von Ihm überwältigt, so dass Er es beschützen würde. So würde Er verhindern, dass Marias fromme Wünsche vergehen und zerstreut werden könnten. Maria wurde aufgefordert in einem Zustand inneren Gebetes und der Ruhe zu leben, in Suche nach der Ehre Gottes, ganz und gar bestrebt, in ihm zu verharren.“

Nach dem Koran machte Gott Maria zu einem Modell für „alle Gläubigen“. Christen, die wie sie die Keuschheit bewahren, folgen ihrem Beispiel aus derselben Haltung der Hingabe an Gott. Al-Tirmidhis Darstellung des inneren Gebetes der Maria ist eine gute Beschreibung dessen, was Christen in kontemplativen Ordensgemeinschaften anstreben und zu befolgen versuchen. Andere Christen in Ordensgemeinschaften, die danach streben „Kontemplative in Aktion“ zu sein, haben dasselbe Ideal und dasselbe Ziel wie Maria. In Tirmidhis Worten: „ohne Unterbrechung die Ehre Gottes zu suchen und alle Anstrengungen zu machen, in diesem Streben zu verharren.“

Somit lässt sich sagen: Der Wert der religiös erwählten Ehelosigkeit/Jungfräulichkeit für diejenigen, die versuchen über das hinaus zu gehen, was strikt vom Gesetz vorgeschrieben ist und die seine intime Liebe anstreben – derer von denen der Koran sagt, sie seinen „min al-muqarrabïn“ – ist der islamischen Tradition nicht fremd. Die frühen Sufis ermutigten ihre Schüler zum Stand der Ehelosigkeit. Einige betrachteten Ehelosigkeit gar dem Ehestand überlegen, sofern gottgeweihte Ehelosigkeit die Person für den Islam besonders bereit mache, das heißt, ihr helfe, sich Gott ganz hinzugeben. In seinem Meisterwerk Ihyā ‛ulūm al-dïn zitiert al-Ghazāli (d. 1111) den Sufi al-Darāni mit den Worten: „Die Süße der Anbetung und die ungestörte Hingabe des Herzens, die die ehelos lebende Person fühlen kann, kann die verheiratete niemals erfahren.“ (vgl. Thomas Michel, „The vows of religious life in an islamic context“ in: Encounter (Rome), no. 132. Febr. 1987.)
Der berühmte Reformer Jamāl al-Dïn al-Afghāni (1838-1897) und Lehrer von Muhammad ‛Abduh (1849-1905) war nie verheiratet. Im Laufe seines aktiven und äußerst dynamischen Lebens, das ihn in alle Teile der islamischen Welt führte, boten ihm viel bewundernde Schüler und Führer die Hand ihrer Töchter zur Heirat. Al-Afghānis Antwort war durchweg: „Die umma (islamische Gemeinschaft) ist meine Braut“. Das ist einer wichtigen Begründung bzw. Motivation für den christlichen Zölibat vergleichbar: der Wille zu einer totalen, exklusiven Hingabe an die christliche Gemeinschaft oder Kirche, die man im Glauben als den Leib oder die „Person“ Jesu Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen betrachtet.
Es sollte auch nicht vergessen werden, dass sexuelle Einschränkung ein integraler Teil einiger der zentralen Akte des islamischen Gottesdienstes darstellt. Das Ramadanfasten  bedeutet nicht nur Enthaltung von Essen und Drinken, sondern auch von jeglicher sexueller Betätigung während der Stunden des Fastens. Die geheiligte Periode des ihrām während der hadsch verlangt ebenfalls eine vollständige, wenn auch zeitliche begrenzte Enthaltung von sexueller Betätigung. Was wir meinen ist dies: Muslime verzichten auf sexuelle Aktivität während dieser geheiligten Zeiten nicht, weil sie Sex für böse, erniedrigend oder unwürdig halten, sondern, weil Gott sie gerufen hat, auf diese legitime Aktivität zu verzichten um ihre Aufmerksamkeit und ihr Herz ungeteilt Gott zuzuwenden.

Kurz zusammengefasst kann also gesagt werden: Obwohl der Islam den Wert und die Güte des Familienlebens betont, gibt es Elemente innerhalb des islamischen Glaubens und Lebens, die Muslime helfen können, das Versprechen zu ehelosem, Gottgeweihten „jungfräulichen“ Leben seitens bestimmter Christen zu verstehen. Für einige, vielleicht zu Auseinandersetzung und Streit neigende Individuen unter ihnen erscheint diese mögliche christliche Lebensoption unnatürlich und der Offenbarung Gottes widersprechend. Viele andere Muslime sind dagegen neugierig. Sie sind ehrlich daran interessiert, über die Motivation der christlichen Option für Ehelosigkeit zu erfahren, denn Muslime spüren eine natürliche Neigung zu „Gottgeweihten Personen“. Die Fragen solcher Muslime können und sollten nicht auf einer theoretischen Ebene beantwortet werden; das Beispiel und Zeugnis echten Gottgeweihten Lebens nach den evangelischen Räten Armut, Keuschheit und Gehorsam spricht überzeugender als bloße Worte.

Frage 67: Im Kapitel 9 erwähnen Sie  den Begriff „Theologie der Befreiung“. Was ist darunter zu verstehen? Wer waren ihre Vertreter? (DE)

Antwort:
In vielen Ländern der Erde sind die Völker heute nicht mehr bereit, die bestehenden Verhältnisse in ihren Ländern als unabänderliches Schicksal hinzunehmen, zumal ungerechte Strukturen, die Unterdrückung, Analphabetentum, Verwahrlosung, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung bewirken, von der der Verantwortung des Menschen abhängen und auch von ihm verändert werden können.

Manche Völker verstehen deshalb ihren Widerstand gegen bestehende Strukturen als Mittel zur Befreiung von ungerechten Strukturen und Systemen, in welche persönliches, ungerechtes Verhalten, Korruption, Verschwendung, Machtstreben und Menschenverachtung  eingeflossen sind, so dass diese selbst gewissermaßen zu „sozialen Sünden“ geworden sind. Manche der in den letzten Jahrzehnten entstandenen Befreiungsbewegungen streben nach gewaltsamer Veränderung durch Revolution. Andere wollen Veränderungen durch Reformen erreichen. Wieder andere, besonders in den christlichen Basisgemeinden, suchen, ausgehend von einer Theologie der Befreiung und einer besonderen „Option für die Armen“, in solidarischer Hilfe Not und Armut zu mildern und mit unterschiedlichen Mitteln eine Änderung der Strukturen, Institutionen und Systeme zu erreichen.

Die Theologie der Befreiung geht von der Frage aus, wie man angesichts des unermesslichen Leidens der Armen in den lateineinamerikanischen Ländern von der Liebe Gottes und von seiner Zuwendung zu den Armen sprechen und in solidarischer Hilfe diese Leiden überwinden kann. Das sind die Grundmotive der Befreiungstheologie. Die lateinamerikanische Bischofskonferenz machte sich auf ihre Generalversammlung 1968 in Medellin mit der „vorrangigen Option für die Armen“ eine grundlegende Einsicht der Befreiungstheologie zu eigen. Papst Paul VI wies darauf hin, dass man die Begriffe der Befreiung und des Heils in einem richtig verstandenen Sinne gleichwerten kann: “Das Wort Befreiung verdient also einen Platz im christlichen Wortschatz nicht nur wegen seiner Ausdruckskraft, sondern um des tiefer liegenden Inhalts willen.“ (Ansprache vom 31. 7. 1974). Papst Johannes Paul II spricht ausdrücklich von der lateinamerikanischen Theologie, die die Befreiung zur Grundkategorie und zum Handlungsprinzip für die Lösung der Probleme des Elends und der Unterentwicklung erhebt.

Nach katholischer Lehre ist es „vollauf berechtigt, dass diejenigen, die an der Unterdrückung durch die Besitzer des Reichtums, oder die politische Macht leiden, sich mit moralisch erlaubten Mitteln dafür einsetzen, Strukturen und Institutionen zu erlangen, in denen ihre Rechte wirklich respektiert werden“ (Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über die christliche Freiheit und Befreiung vom 22.3.1986, 75f.) Das sittliche Urteil darüber, welche Mittel und Wege  für das konkrete handeln in solchen bedrängenden Situationen erlaubt sein können, muss sich immer an der menschlichen Würde und der menschlichen Freiheit ausrichten. Dann es gibt keine wirkliche Befreiung, wenn nicht von Anfang an die Freiheitsrechte respektiert werden.

Darüber hinaus ist zu bedenken, dass das Gebot der Nächstenliebe unvereinbar ist mit dem Hass gegen andere Menschen, sei es als Einzelperson oder als Gemeinschaft. Befreiung im Geist des Evangeliums lässt deshalb den Schluss zu, dass jemand Widerstand als Befreiung von ungerechter Gewalt nur in der Form des gewaltlosen Widerstands für gerechtfertigt hält. In gewaltlosem Widerstand kann jemand Zeugnis dafür ablegen, dass nur die Liebe zu wahrer Freiheit  führt, während Gewalt immer neue Gewalt mit sich bringt.
Als weiterer Weg ist auch an Gewaltlosigkeit als Strategie zu denken, wie sie in der neueren Geschichte zum Beispiel Mahatma Gandhi und Martin Luther King beispielhaft vorgelebt haben. Ob dieser Weg zum Erfolg führt, hängt allerdings in hohem Maß davon ab, ob die Herrschenden fähig und bereit sind, die Unrechtverhältnisse zu ändern.

Einer (mit Waffengewalt vorgenommenen) Revolution als Weg der Befreiung von ungerechter Gewalt ist jede Art von Reform der Strukturen und Institutionen  der Vorzug zu geben, zumal die Revolutionen unserer Zeit zumeist mit Ideologien verknüpft sind und nach kurzer Zeit neue Unterdrückung und Missachtung der Menscherechte mit sich bringen.

Wird ein Volk so geknechtet, dass ein gewaltloser Widerstand keine Änderung herbeiführt, kann das Recht auf gewaltsamen Widerstand als äußerste Möglichkeit in Anspruch genommen werden, aber nur, wenn keine andere Möglichkeit (zum Beispiel: passiver ) Widerstand mehr besteht.
Von dieser äußersten Möglichkeiten spricht Papst Paul VI in der Enzyklika „Populorum Progressio“ (31), wo es heißt, dass der bewaffnete Kampf als letzter Ausweg gerechtfertigt sein könnte, „um einer eindeutigen und lange andauernden Gewaltherrschaft, die die Grundrechte der Person schwer verletzt und dem Gemeinwohl des Landes schweren Schaden zufügt“, ein Ende zu setzen. Dagegen wird ein „systematischer Rückgriff auf Gewalt, der als angeblich notwendiger Weg zur Befreiung hingestellt wird,“, von der Kongregation für die Glaubenslehre als „eine zerstörerische Illusion angeprangert…, die den Weg zu neuer Knechtschaft eröffnet“ (Instruktion über die christliche Freiheit und Befreiung, 76).

Heute sind alle Staaten und die Kirche aufgefordert, dazu beizusteuern, dass in keinem Land der Erde Situationen entstehen, in denen unerträgliche Gewaltherrschaft  die Menschen dazu zwingt, sich mit Mitteln zu befreien, die ihnen zutiefst widerstreben.“(vgl. Katholischer Erwachsenen-Katechismus. 2. Bd. Leben aus dem Glauben [Freiburg: Herder , 1995],S. 260-262).
Unter die herausragenden Befreiungstheologen zählen: G. Gutierrez, A Theology of Liberation, 1974; J. Segundo, The Liberation of Theology, 1978; J. Sobrino, Christology at the Crossroads, 1978.

Frage 68: Wieso verbot Gott den Juden das Essen des Schweinefleisches? Nur wegen den Trichinen oder noch aus anderen Gründen? Wieso erlaubt es Jesus ihnen - war also die Hygiene z. Z. Jesu besser oder soll man sagen, das Essen des Schweinefleisches war nie schlecht und die Juden haben sich das so ausgedacht aus z.B. Abgrenzungsgründen? War es zur Zeit Mohammads auch gefährlich, Schweinefleisch zu essen, weil es eher Wüstengebiet war und dort sicher nicht solche Untersuchungen auf Trichinen vorgenommen werden konnten? Manche Mensche meinen, Schweinefleisch sei in sich nicht so wertvoll - stimmt das oder ist das Unsinn? Wie sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber? (DE)

Antwort:
Leviticus 11,7f. und Deuteronomium 14,8 deklarieren Schweinefleisch als unrein und verbieten, Schweinefleisch zu essen und ein totes Schwein zu berühren. Dieses Verbot wird im Alten Testament nicht begründet, und daher werden mögliche religiöse (das Schwein als heidnisches Kulttier), moralische („unreiner“ Lebenswandel des Schweines), kulturanthropologische („taxonomische Anomalie“, i.e. die Schwierigkeit, die zoologische Kategorie zu bestimmen, zu der das Schwein gehört), medizinische (z. B. Schutz vor Trichinose) und ökologische (Nahrungskonkurrent des Menschen) Begründungen diskutiert. Das Verbot wird im Judentum als Identitätsmerkmal verstanden (vgl. 2 Makkabäer 6,18-31 u.ö.) und von Nichtjuden als unterscheidendes Charakteristikum wahrgenommen. Auch der Koran verbietet den Genuss von Schweinefleisch (Sure 2,173 u.ö.). Das Neue Testament teilt noch die jüdische Abscheu vor dem Schwein, aber schon das in der Apostelgeschichte  (15,23-29) behandelte Aposteldekret ignoriert und der Barnabasbrief (10,1.3) allegorisiert das Verbot des Genusses von Schweinefleisch, das in der alten Kirche aufgegeben wird. Dabei spielten sicher die Perikopen in den Evangelien ein Rolle, in denen Jesus über die Frage der Reinheit und Unreinheit von Speisen (Mk 7,14-23 und Mt 15,10-20) spricht, eine entscheidende Rolle.

    „Und er [Jesus] rief die die Leute zu sich und sagte: Hört und begreift: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
    Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Weißt du, dass die Pharisäer über deine Worte empört sind? Er antwortete ihnen: Jede Pflanze, die nicht mein himmlischer Vater gepflanzt hat, wird ausgerissen werden. Lasst sie, es sind blinde Blindenführer. Und wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in eine Grube fallen.
    Da sagt Petrus zu ihm: Erkläre uns jenes rätselhafte Wort! Er sagte: Seid ihr immer noch ohne Einsicht? Begreift ihr nicht, dass alles, was durch den Mund (in den Menschen) hineinkommt, in den Magen gelangt und dann wieder ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen. Das ist es, was den Menschen unrein macht; aber mit ungewaschenen Händen essen macht ihn nicht unrein“ (
    Mt, 15,10-20).

    (Siehe. Theol. Wörterbuch des Alten Testaments 2,835-846.)

Frage 69: Auf Ihrer Homepage steht (Kapitel 2: Gottheit Jesu, II. Muslimische Sicht: Im Einzelnen: Para 3, Zeile 1: “Jesus, der verkündet worden war von Johannes dem Täufer (Yahyá), wurde geboren aus der Jungfrau Maria ohne einen menschlichen Vater.” Woher wissen Sie, dass es Yahyá (Friede sei auf ihm) gewesen sein soll der Jesus (Friede sei auf ihm) die Botschaft überbracht hatte, wo doch der Koran in Sure 3,39 von den Engeln spricht, die Zakariyya eine Botschaft Gottes überbrachten? (DE)

Antwort:
Was ich mit dem von Ihnen zitierten Satz sagen will ist, dass Isa ibn Maryam nach dem Koran von Yahya ibn Zakariyya als "ein Wort von Gott" geglaubt wurde. Dabei gehe ich in meiner Aussage möglicherweise über den Korantext insofern hinaus, als ich von dem Begriff saddaqa ausgehend annehme, dass Yahya diese seine Glaubensüberzeugung bzgl. Isa auch öffentlich bekundet hat und insofern Isa verkündet hat.
Dabei stütze ich mich auf Sure 3, 39 und die normale Auslegung dieses Verses (z. B. im Tafsir al-Manar zu diesem Vers. Dar ul-Fikr Ausgabe, Band III, S. 297f.)
Ich will nicht sagen, und der Koranische Text gibt das auch nicht her, dass, wie Sie es ausdrücken: Yahya Isa (der Friede Gottes ruhe auf Ihm!) "die Botschaft überbrachte", wie Sie meinen,  sondern eben nur, dass Yahya für wahr hielt, dass Isa "ein Wort von Gott sei".

    1. Die Interpretation des Verses 3,39 vom Koran

Was die Interpretation des Verses 39 der Sure 3 angeht, so finden Sie eine Zusammenstellung der Deutungen dieses Verses und damit auch der von uns besprochenen Worte, in  Mahmoud M. Ayoub, The Qur'an and its Interpreters, Vol. II (The House of 'Imran) (Albany: State of New York University Press, 1992) , pp. 107-112. Ayoub belegt, dass die meisten der berühmten klassischen Kommentatoren des Qur'an der von mir dargelegten Auffassung sind.

    2. „Er wird in den Worten der Propheten vorausverkündigt“.

Ich nehme an, dass Sie die Schriften des Alten Testaments oder Ersten Testaments, die eine ganze Bibliothek von Schriften aus vielen Jahrhunderten und den verschiedensten Umständen darstellen, gelesen haben. Im Alten Testament befinden sich auch die Bücher der Propheten. Viele dieser Propheten und ihre Schriften werden im Qur'an nicht erwähnt. Für Juden und Christen stellen sie einen wichtigen Teil der Hl. Schrift dar. Ich kann Ihnen hier nicht im Einzelnen erklären, wie die Christen im Lichte ihres Glaubens an Jesus von Nazareth als den Messias diese prophetischen Schriften durch viele Jahrhunderte hindurch interpretiert haben. Im Unterschied zu den Juden sehen die Christen in den Schriften des Alten Testaments, und darunter besonders in den Schriften der Propheten, eine Zukunft angekündigt, in der Gottes Gesalbter angekommen sein wird und mit ihm "das Reich Gottes". Ebenfalls im Unterschied zum jüdischen Glauben haben die Christen – von denen viele, gerade in den ersten Jahrhunderten aus der Welt des jüdischen Glaubens kamen – von Anfang an in Jesus Christus den erwarteten Messias des jüdischen Glaubens gesehen und bekannt. Während die Juden ihn noch erwarten, sind die Christen im Glauben überzeugt, dass Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte und Auferstandene der wahre, von Gott seit Jahrhunderten in den Schriften des jüdischen Volkes erwartete Messias (Gesalbte Gottes) ist. Mehr kann in diesem Rahmen leider nicht gesagt werden. Falls Sie interessiert daran sind, die zentralen christlichen Glaubensinhalte besser zu verstehen, verweise ich Sie auf Katholischer Erwachsenen-Katechismus: Das Glaubensbekenntnis der Kirche, hrg. von der deutschen Bischofskonferenz. Kevelaar: Butzon &Bercker, 1985, bes. pp. 60-63; 143 ff. 

Meine Aussage, dass Jesus als der Christus von den Propheten vorausgesagt wurde, ist also als ein Teil der Glaubensausage der Kirche zu verstehen. Jüdische Gläubige interpretieren die relevanten Texte des Alten Testaments anders. Leider gibt es noch keinen konsistenten muslimischen Kommentar zu den Schriften des Alten und Neuen Testaments.

    3. Johannesevangelium 16,12-13.

Der christliche Glaube versteht diese und verwandte Textstellen seit eh und je als sich auf den Heiligen Geist beziehend. Es kann hier nicht im Detail dargelegt werden, warum es falsch ist, im griechischen Text periklytos statt parakletos zu lesen. Ich kann auch nicht die christliche Exegese zu diesen Texten zusammenfassen, die Bände füllt. Nur Eines sei gesagt: die Christen verstehen den Parakleten als den Beistand, den Tröster, kurz als Bezeichnung für den Heiligen Geist. Er wird offenbaren, dass Jesus das Recht hatte, sich "Sohn Gottes" zu nennen (vgl. Joh 10,33; 19,7). Der "Beweis" dafür wird das "Hingehen" Jesu zum Vater sein (13,1; 20,17); es wird seinen himmlischen Ursprung und sein himmlischer Wesen zeigen (6,62). Der Geist wird Jesus dadurch verherrlichen, dass er die Fülle des Geheimnisses Jesu offenbart. Jesus selbst verherrlicht den Vater (17,4). Die Offenbarung ist also vollkommen eine; im Vater nimmt sie ihren Ursprung, durch den Sohn wird sie gewirkt, im Geist wird sie vollendet zur Herrlichkeit Gottes, des Sohnes und des Vaters. (vgl. Katholischer Erwachsenen-Katechismus, pp. 221 ff.)

    4. Sure 61, 6

sein Name ist Ahmad: oder: dessen Name löblicher ist: Das besagt, dass dann das Wort nicht als Eigenname zu verstehen ist. Die muslimischen Kommentatoren erkennen in diesem Namen den Propheten Muhammad. Die Apologeten des Islams haben sich  gegen die Beteuerungen der Christen bemüht, einen Text im Evangelium zu finden, der diese Ankündigung Jesu enthalten soll. Es gibt zwei Richtungen in der Argumentation: Entweder beschuldigen sie die Christen, die einschlägigen Texte aus dem Evangelium entfernt zu haben, oder was häufiger vorkommt  sie berufen sich auf die Verheißung an seine Jünger, er werde ihnen den Beistand (parakletos) senden (Evangelium: Johannes 14,16,26). Parakletos wurde dann im Sinne von periklytos (Hochberühmt) gedeutet.

Frage 70: Was ist der ideale Alter zu heiraten? (TR)

Antwort:
Das Mindestalter, um in der katholischen Kirche heiraten zu können, beträgt für Männer 16 Jahre, für Frauen 14 Jahre. Die Bischofskonferenz kann aber für ihr Gebiet ein höheres Mindestalter festlegen. Dahinter steht die Überzeugung, dass es von der jeweiligen Kultur abhängt, wie alt man für das Heiraten sein sollte. Die Seelsorger sollen dafür sorgen, dass Jugendliche von der Eheschließung abgehalten werden, solange sie nicht jenes Alter erreicht haben, das man nach den Sitten des jeweiligen Landes normalerweise für den Abschluss einer Ehe erwartet. Verglichen mit traditionelleren Kulturen können Eheleute in der westlichen, individualistischen Kultur normalerweise weniger Unterstützung durch eine Großfamilie erwarten und sind stattdessen mehr auf sich selbst gestellt. Das erfordert aber eine größere Reife und damit auch ein höheres Alter.

Die Ehe ist nach katholischer Lehre von ihrem Wesen her einerseits auf das Wohl der Ehegatten, andererseits auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet. Es liegt nahe, auch das - gesundheitliche und psychologische - Wohl der Kinder im Blick zu haben, wenn man über das richtige Alter zum Heiraten nachdenkt. Wer auf keinen Fall Kinder bekommen will, kann nach katholischer Lehre nicht gültig heiraten.

Wer aber aus irgendwelchen Gründen keine Kinder bekommen kann (z. B. gesundheitliche Gründe, Alter), kann trotzdem heiraten. Auch in hohem Alter (z. B. als Witwe/r nach dem Tod des ersten Ehepartners) kann man noch heiraten.

Frage 71: Wenn das Christentum eine monotheistische Religion ist, wie kann der Titel „Muttergottes“ für Maria logisch sein? (TR)

Frage 72: Stellt man die Mutter Jesu nicht Gott an die Seite, wenn man an sie Gebete richtet? (TR)

Antwort:
Ich beantworte die beiden Fragen und damit zusammenhängende mögliche weitere Fragen, indem ich über (1) Maria im Zeugnis der Bibel spreche, dann speziell über (2) die Bedeutung des Titels Marias im christlichen Glauben: „Mutter Gottes“ und schließlich über (3) die „neuen“ Dogmen der Kirche über Maria.

      
1. Maria im Zeugnis der Bibel

Nicht Maria steht im Mittelpunkt des Neuen Testaments, sondern Jesus Christus. Maria aber ist seine Mutter. Deshalb ist von ihr die Rede. Nicht in Form einer Lebensbeschreibung, gewiss nicht. Was die Bibel über Maria schreibt, ist weit mehr: Es wird dargestellt, was sie für das Heil des Gottesvolkes bedeutet. Maria wird in den großen Zusammenhang des göttlichen Wirkens gestellt, das uns schon im Alten Testament begegnet. Damit ist Folgendes gemeint:

Frauen retten das Volk Gottes. Manchmal sind es Heldinnen (Debora, Judith, Esther), manchmal Mütter, die einem Großen des Volkes das Leben schenken (Sara, Rebekka, Hanna). Mit Maria kommt diese biblische Linie zum Gipfel. Sie schenkt dem Messias, dem Gottessohn das Leben. Sie bringt den Glauben ihrer Väter (Abraham!) zur Vollendung. So ist sie selber die „Tochter Zion“, die Verkörperung des Gottesvolkes. In ihrem großen Danklied „Magnificat“ (Lukas 1,46-55) reiht sie sich ein in die Geschichte Israels, spricht sie selber als Prophetin wie die großen Gottesverkünder des Alten Bundes: Dem Herrn allein gehört die Ehre, irdische Macht und irdischer Reichtum bedeuten vor ihm gar nichts! Diesen Grundsatz hat sie in ihrem Leben verwirklicht. Sie lebt ganz für ihren göttlichen Sohn. Sie tritt in den Hintergrund in den Tagen seiner großen Erfolge, aber unter dem Kreuz ist sie bei ihm. Suchend und fragend geht sie ihren Weg, sie „erwägt alles in ihrem Herzen“ (Lukas 2,19), durchlebt auch Unsicherheit und Enttäuschung, sie ist die Schmerzensmutter. Von alldem erzählt die Bibel.

Marias ungeteilte Liebe gehört Gott, ohne jeden Vorbehalt widmet sie ihr Leben dem unbegreiflichen hohen Auftrag, der ihr gegeben worden ist. Darum bleibt sie jungfräulich, will nur noch eines sein, die „Magd des Herrn“ – wie sie es Gott zugesagt hatte (Lukas 1,38).

Der Evangelische Erwachsenenkatechismus fasst zusammen, was die Bibel über Maria sagt: „Sie wird als die beispielhafte Hörerin des Wortes Gottes gezeichnet, als die Magd des Herrn, die Ja zu Gottes Willen sagt, als die Begnadete, die aus sich selbst nichts, durch Gottes Gnade aber alles ist. So ist Maria das Urbild der Menschen, die sich von Gott öffnen und beschenken lassen, der Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche.“ Maria gehört ins Evangelium. Ohne sie würde im Heilswirken Gottes etwas Wesentliches fehlen.

So wird verständlich, warum die Christen Maria verehren. Es gibt nur einen, der uns Heil geschenkt hat: Jesus. Aber ist es nicht bedeutungsvoll, dass es eine Frau war, die dieses Heil für uns alle empfangen hat? Sie hat zum Engel gesagt: „Mir geschehe nach deinem Wort!“ – uns so ist sie Mutter des Erlösers geworden. Es war das Ja-Wort der Menschheit gegenüber Gott.

      
2. Maria, die „Mutter Gottes“

Das Glaubensbekenntnis sagt  „…geboren von der Jungfrau Maria“, und damit fasst es zusammen, was uns in der Bibel erzählt wird. Die Weihnachtsgeschichte sagt uns sehr anschaulich, dass Maria Jesus, ihr Kind, wie jede andere Mutter in ihrem Leib getragen und dann für uns geboren hat. Sie ist seine Mutter. Mutter in einem noch tieferen Sinn als gewöhnlich: Ehe sie den Sohn Gottes empfing, hatte sie ihn im Glauben angenommen…

Zuerst hat ja Maria die Botschaft des Engels nicht voll verstanden: „Wie soll das geschehen?“ fragt sie, denn sie lebt ja mit keinem Mann zusammen. Und der Engel antwortet: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten!“ Hier benutzt die Bibel Ausdrücke, die an das Alte Testament erinnern: Gott selber „überschattete“ Israel in einer Wolke und „nahm Wohnung“ im heiligen Zelt. Mit der Wahl solcher Worte sagt die Bibel: Maria ist die Wohnung Gottes, durch sie kommt Gott zu uns.

„Das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist“, heißt es im Matthäusevangelium (1,20). So lehrt die Kirche: Maria hat ihr Kind jungfräulich empfangen, ohne Zutun eines Mannes. Manche sehen darin ein großes Problem. Aber warum soll Gott nicht in ungewöhnlicher Weise eingreifen, wenn sein eigener Sohn Mensch wird? Gerade die jungfräuliche Empfängnis macht klar, dass der neue Anfang, der durch Jesus geschieht, ganz allein von Gott herkommt!

Das alles aber kann nur geschehen, weil Maria glaubt und zustimmt. So wird sie die Mutter Gottes. Im Jahre 431 hat das Konzil von Ephesus diesen Titel für sie festgelegt, auch Luther und die andere Reformatoren haben daran festgehalten.  Natürlich hat sie nicht Gott „als Gott“ geboren, denn sie ist ja ein Geschöpf wie wir. Sie hat den Menschen Jesus geboren, dieser aber ist Gott und Mensch in einer Person. Glaubt man an Christus, den Sohn Gottes, so muss man auch Maria als Gottesmutter verehren.

So ist Maria dann auch unsere Mutter, denn wir Christen sind eins in Christus, sind Glieder an seinem Leib. Ihre Liebe gilt dem ganzen Christus, also auch uns. Wir können sie anrufen als unsere Fürsprecherin, unsere Mutter, unsere Hoffnung. Alle unsere Nöte können wir ihr vortragen. So etwas tun wir ja auch untereinander. Da wir alle zu Christus gehören und ich ihm eins sind, fordern wir uns gegenseitig zur Fürbitte auf: Bete für mich! Erst recht gilt dieser Ruf der Muttergottes, die von uns allen dem Herrn am nächsten steht.

Selbstverständlich darf Maria nicht angebetet werden. Anbeten darf und muss man Gott allein. Aber anrufen dürfen wir sie, ohne die einzigartige Stellung Jesu Christi anzutasten, denn auch ihre Fürbitte schöpft ihre Kraft allein aus der Erlösung, die Gott in Jesus bewirkt hat. Wer Maria anruft und verehrt, bekennt sich dadurch zu dem einzigen Mittler und Sohn Gottes, zu Jesus Christus.

Von Maria sollte man nicht immer nur theoretisch reden. Man sollte sie einfach lieb haben. Erst dann geht einem auf, was sie nicht nur für die Christenheit, sondern für alle Menschen bedeutet. Sie ist Gottes Mutter und somit unsere, ja, aller Menschen, Mutter.

      
3. Die „neuen“ Dogmen über Maria

Wieso werden in unserer Zeit, bald 2000 Jahre nach Jesus, noch neue Glaubenslehren aufgestellt? Wieso kann der Papst noch 1854 den Glaubenssatz von der Unbefleckten Empfängnis verkünden, wieso erst 1950 erklären, dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen ist?

Berechtigte Fragen! Jawohl, es ist längst alles gesagt, was Gott uns mitzuteilen hat. Über Jesu Botschaft, weitergegeben in der Lehre der Apostel, kann nichts mehr hinausführen. Das Ganze liegt vor uns. Aber es liegt vor uns wie ein noch unerschlossenes Land. Wir müssen es durchforschen. Von Anfang an hat die die Kirche versucht, tiefer in die Geheimnisse des Glaubens einzudringen, neue Erkenntnisse und Zusammenhänge zu finden.

Das sei mit einem Vergleich erläutert: Wir wollen ein Dia projizieren, das Bild erscheint auf der Leinwand. Aber es ist noch unscharf. Man kann schon die Hauptsache erkennen, aber etliches ist noch undeutlich. Jetzt drehen wir langsam die Linse schärfer. Neue Einzelheiten treten hervor. Sie waren gewiss vorher schon da, aber erst jetzt können sie erkannt werden. So ist es auch mit dem Glauben. Im Denken und Beten der Kirche wird im Lauf der Jahrhunderte die „Linse“ des Glaubens immer schärfer gestellt. Bis zum Ende der Zeiten werden wir nicht damit fertig sein, den Reichtum des Glaubens zu entdecken.
Noch eines wird mit diesem Vergleich klar: Die Einzelheit wird nur deutlich innerhalb des Gesamtbildes. Für sich allein würde man sie gar nicht sehen oder ganz falsch verstehen. So ist es auch mit den beiden Marien-Dogmen. Sie ergeben sich aus dem Gesamtbild des Glaubens, nicht aus einzelnen Sätzen der Bibel. Also:

Maria ist Urbild des von Gott beschenkten Menschen, in ihr kommt die Erwählung des Volkes Israel zur Vollendung. Sie war von Gott bestimmt, uns Christus zu bringen, das Licht, das Leben, die Gnade Gottes in Fülle. Deshalb sollte sie auch selbst „voll der Gnade“ (Lukas 1,28) sein. Was das bedeutet, hat die Kirche nach einem Jahrhunderte langen Klärungsprozess 1854 ausdrücklich zum Glaubenssatz erhoben.: Maria ist vom ersten Augenblick ihres Lebens, also von ihrer Empfängnis an, frei von Gottfremdheit und Dunkelheit, erfüllt von seinem Licht, ohne Ursünde. Was uns Jesus am Kreuz verdient hat, was uns in der Taufe geschenkt wird, ist auf sie schon am Lebensanfang angewendet worden, weil sie seine Mutter werden sollte.

Gerade über dieses Dogma wird viel Unsinniges geredet. Manche verwechseln hier die Empfängnis Mariens mit der Christi. Sie sollten einmal das Kirchenjahr studieren: Mariä Unbefleckte Empfängnis wird am 8. Dezember gefeiert, genau neun Monate vor dem Fest Mariä Geburt (8. September). Was diese Leute meinen, ist die Empfängnis des Herrn, die am Fest Verkündigung des Herrn gefeiert wird, neun Monate vor Weihnachten…

Ganz falsch ist die Meinung, die Kirche halte die Sexualität für etwas Befleckendes. Nicht wegen der menschlichen Zeugung und Empfängnis beginnen wir alle unser Leben als „Befleckte“, sondern weil wir Teil der dunklen, von Gott abgewandten Welt sind. Das ist Maria nie gewesen. Sie stand vom ersten Augeblick ihres Lebens an im Lichte Gottes. Dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen ist, ergibt sich aus ihrer unvergleichlich engen Verbundenheit mit Christus. Was uns allen einmal am Ende der Zeiten gegeben wird, die „Auferstehung des Fleisches“, ist an ihr bereits vollzogen, wie sie seine Mutter ist. Gerade diese Lehre ist in unserer Zeit wichtig, weil der Leib so furchtbar entwürdigt wird: durch Kriege, durch Rauschgift, durch Pornographie – und dabei ist er für Gottes Herrlichkeit bestimmt.

In Maria wird uns immer unsere eigene Würde und Hoffnung gezeigt. An ihr erkennen wir, was Gott an uns Großes tun will. Wer das einmal begriffen hat, wird auf die Mareinverehrung nie mehr verzichten.
(Mit leichten Abänderungen wiedergegeben aus: Winfried Henze, Glauben ist schön. Ein katholischer Familienkatechismus. Harsum: Druckhaus Köhler, 2001. ISBN 3-7698-0887-8., S. 69-76)

      
Text des Magnifikat (Lukas 1,46 -49):
       „Meine Seele preist die Größe des Herrn
       und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
       Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
       Siehe von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!
       Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, uns sein Name ist heilig.“

      
Gegrüßet seist du, Maria,
       voll der Gnade,
       der Herr ist mit dir,
       Du bist gebenedeit
       unter den Frauen,
       und gebenedeit ist die Frucht
       deines Leibes, Jesus.
       Heilige Maria, Mutter Gottes,
       bitte für uns Sünder
       jetzt und in der Stunde
       unseres Todes!
       Amen.

„Wir müssen uns bemühen, Jesus so zu lieben, wie ihn seine heilige Mutter geliebt hat. Sie steht Gott am nächsten. Wenn wir uns ihr nähern, nähern wir uns damit Gott selbst.“
(Maximilan Kolbe (1894 -1941), polnischer Franziskanerpater, Organisator der katholischen presse in Polen und Japan., opferte im KZ Auschwitz sein Leben für einen junge Familienvater, der als Geisel hingerichtet werden sollte.)

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